NENA: „Ihr kennt mich vielleicht noch aus den Achtzigern…“

Am 27. Februrar 2015 erschien das achtzehnte reguläre NENA-Album "Oldschool" (Lough & Peas Companay BMG) auf dem Markt. (Sämtliche Live-, Best Of-, englischsprachige und Kinder-Alben nicht mitgezählt.) Die mittlerweile 55-jährige Sängerin (geb. 24.03.1960) zählt zu den größten Popstars in der deutschen Musikgeschichte. Wer hätte das Anfang der Achtziger für möglich gehalten?

Am 21. August 1982 präsentierte eine noch völlig unbekannte Band im "Musikladen extra - deutsche Ausgabe" (von Radio Bremen produziert; ausgestrahlt in der ARD) ihre erste Single. "...ich hab' heute nichts versäumt, denn ich hab' nur von dir geträumt...", sang die damals 22-jährige Gabriele Susanne Kerner, wie Nena mit bürgerlichem Namen heißt. Den Zuschauern stockte der Atem. Den männlichen wohl eher wegen des superkurzen roten Leder-Minirocks (..."mir ist schon ganz heiss..."), den die quirlige Frontfrau trug und die weiblichen hatten endlich die Identifikationsfigur zu jener Zeit schlechthin gefunden. NENA. Dieser Auftritt sollte der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere sein. "Nur geträumt" (Text: Nena Kerner, Rolf Brendel; Musik: Uwe Fahrenkrog-Petersen) war bis zu diesem Auftritt im "Musikladen" ein braver Ladenhüter gewesen, der allenfalls die Plattenregale mit seiner Anwesenheit beglückte, aber eben auch nicht mehr. Die Karriere der fünfköpfigen Band startete nun mit Überschallgeschwindigkeit und schien erst einmal durch nichts zu stoppen zu sein. Mit Jim Rakete (eigentlich Günther Rakete) hatte die Band einen hervorragenden Fotografen und Manager an ihrer Seite. Die NENA-Band bestand in den Achtzigern aus: Nena Kerner (Gesang), Carlo Karges (Gitarre), Uwe Fahrenkrog-Petersen (Keyboard), Jürgen Dehmel (Bass) und Rolf Brendel (Schlagzeug).

Mit den berühmten "99 Luftballons", geschrieben von Carlo Karges (gestorben am 30. Januar 2002), gelang den Nena's sogar der internationale Durchbruch. Weltweit flogen die "99 Luftballons" in die Charts ein. Der Anti-Kriegs-Song wurde von Christiane F., neben vielen anderen Titeln, mit auf eine USA-Reise genommen. DJ Rodney Bingenheimer vom nordamerikanischen alternativen Radio-Sender K-ROQ wurde auf das Lied aufmerksam. Dort gespielt, verbreitete sich der Song ebenfalls in rasantem Tempo und avancierte auch in den USA zu einem Mega-Hit. Die deutsche Original-Version der "99 Luftballons" flog in Amerika bis auf Platz 2. In England hingegen veröffentlichte man Ende 1983 mit "99 red balloons" eine englischsprachige Variante des Top-Hits, der es dann im Februar 1984 bis an die Spitzenposition der Charts schaffte.

Die steile Karriere von NENA glich fast einem Märchen. Mädchen und junge Frauen wollten unbedingt wie NENA aussehen. Jungs und Männer verliebten sich reihenweise in das deutsche Pop-Mädchen, welches mit seiner teils unbedarft, frech, fröhlichen Art vielleicht an eigene (verlorene) Träume und Sehnsüchte erinnerte. NENA versprühte eine Form von Lebendigkeit und Unbekümmertheit, die die alltäglichen Nöte und Sorgen ihrer Fans für einen Moment in den Hintergrund treten ließen. Als die NDW (Neue Deutsche Welle) 1982 ihre kommerzielle Hoch-Phase erreichte, wurde NENA zum Aushängeschild. An diesen vier Buchstaben kam keiner (mehr) vorbei. Die Jugendzeitschrift BRAVO platzierte das Fräuleinwunder wöchentlich auf der Titelseite und es verging kaum eine Ausgabe ohne NENA-News und Berichte. Es folgten Poster, Star-Sticker, Star-Album, Star-Bühne und zwei Star-Schnitte. Wer NENA unbedingt in Lebensgröße (wer wollte das damals nicht?) in seine vier Wände oder wo auch immer hinhängen wollte, hatte mit BRAVO die Zeitschrift gewählt, die es Teenie-Träumereien und Fantasien ermöglichte dem Liebling der Nation 'mal "so ganz nahe" zu kommen. Neben dem Jugendmagazin Nummer Eins, sprangen natürlich auch alle anderen Medien auf den NENA-D-Zug auf. Einschaltquoten und Auflagen ließen sich mit NENA erhöhen. NENA war ein Phänomen, welches manchmal wie aus einer fernen Galaxie auf diesem Planeten wirkte. Der "Stern" titelte 1983: "NENA - Der singende Zeitgeist".

Mit zunehmendem Erfolg kamen auch die Neider. Das immer gleiche Phänomen (besonders in Deutschland). Ist jemand erst einmal groß genug geworden, beginnt man langsam aber sicher den einst hochbejubelten Star daran zu erinnern, daß das Hoch jetzt nun reicht. Die aufgebauten Türmchen müssen wieder zertrümmert werden. Zugegeben kam NENA anfangs noch eher bescheiden daher, wurde mit dem stetig steigenden Erfolg auch schon 'mal ordentlich geprotzt. Aber das ist ja kein allein NENA-typisches Phänomen. In einer Welle von überschäumendem Erfolg und wenn einem die ganze Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen liegt, ist es ganz sicher auch nicht leicht immer die "Bodenhaftung" zu bewahren. Erfolg will auch verarbeitet werden. Und dafür hatte die Band schlichtweg keine Zeit.

Das erste Album "NENA" (CBS) verkaufte sich damals über eine Million Mal und die daraus ausgekoppelten Singles "Nur geträumt", "99 Luftballons" und "Leuchtturm" platzierten sich alle in den obersten Chart-Positionen. Ebenfalls noch 1983 erschien die erste gleichnamige Single vom zweiten Album. "? (Fragezeichen)". Die Single kündigte auch tempomäßig an, daß es etwas ruhiger und langsamer zugehen würde auf dem neuen Longplayer. Das Album "? (Fragezeichen)" verkaufte sich damals rund 780.00 mal. Platin-Status. Auch die zweite LP wurde wie der überaus erfolgreiche Vorgänger von Reinhold Heil und Manne Preaker (Spliff) produziert. NENA ging auf Europa-Tournee und war am Zenit ihres Erfolges angekommen.

Die für eine kurze Zeit sehr erfolgreiche NDW (Neue Deutsche Welle) erreichte langsam ihr Aus. Englischsprachige Musik beherrschte wieder stärker den deutschen Musik-Markt. "...irgendwie fängt irgendwann, irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang'..." Die Zukunft von NENA als Band war 1984 mit dem letzten großen Erfolg "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" nocht nicht gefährdet. 1985 erschien das dritte und wendungsreiche Album "Feuer & Flamme". Ein bißchen weg vom Teenie-Band-Image wirkte das Album "erwachsener". Internationaler. Hatte man sich schließlich mit u.a. Lisa Dalbello tatkräftige Unterstützung geholt. In der BRAVO "schockte" NENA mit blauem Lippenstift, bunter Jacke und bunten Strähnchen in den Haarspitzen ihre wartenden Fans. "Feuer & Flamme" ging ca. 255.000 mal über die Ladentische und schaffte immerhin noch den "Gold-Status". Doch die überall plakatierte großflächige Werbung der "NENA-Tour'85" konnte die teils halbleeren Hallen nicht verhindern.

Das Album "Feuer & Flamme" (CBS), welches ebenfalls auch als komplett englischsprachige Ausgabe erschien unter dem Titel "It's all in the game" (CBS), zeichnete sich durch eine tolle, wenn auch manchmal "etwas zu viel-Produktion" aus. Auch die Texte wirkten "gereifter". In "Haus der drei Sonnen" (Text: Carlo Karges; Musik: Uwe Fahrenkrog-Petersen) wurde die Geschichte eines Spielers erzählt, der sich an den Spielautomaten verliert und "Das alte Lied" (Text: Carlo Karges; Musik: Jürgen Dehmel) handelte von dem immer gleichen Trott und das jeder immer das macht, was er eben macht. Tagein tagaus, ohne vielleicht einmal innezuhalten, ob das nun auch wirklich so richtig ist. Dieses tagein tagaus. "...Spekulanten spekulieren, Demonstranten demonstrieren, Polizisten patroullieren...und die ganze Welt singt mit das alte Lied..." Die NENA-Fans wollten das alte NENA-Lied aber immer weniger mitsingen und zogen sich zurück oder wandten ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Mit "Du kennst die Liebe nicht" (Text und Musik: Nena Kerner) wurde 1986 eine völlig neu arrangierte Single- und Maxi-Version des Lieblingsstücks der NENA-Fans vom "Feuer & Flamme"-Album veröffentlicht, die musikalisch nichts mehr mit der Version vom Longplayer gemeinsam hatte. Aus einer Ballade wurde nun ein Rock-Song.

1986 erschien das letzte NENA-Album als Band. "Eisbrecher" (CBS). Hier war man wieder zurückgekehrt. Zu den Wurzeln. Und man hoffte, daß auch die Fans wieder den Weg zu NENA finden würden. "...es ging alles viel zu schnell, deshalb konntet ihr uns auch gar nicht seh'n, wir wollten euch auch nicht schockier'n, doch wir hoffen auf ein Wiederseh'n...", hieß es in "Mondsong", der ersten Single-Auskopplung. "Mondsong" schaffte es immerhin noch einmal auf Platz 36 der Single-Charts, konnte aber an die Erfolge von einst nicht mehr anknüpfen. Das Album klang durchweg erdiger und rockiger als das sehr stark, an manchen Stellen, wie oben bereits erwähnt, auch etwas überproduzierte "Feuer & Flamme".

Wunderschöne und aussagekräftige Texte befanden sich auf der letzten LP. In "Schön wär' es doch" (Text: Carlo Karges; Musik: Rolf Brendel) hieß es u.a.: "...für eine Welt ohne Krieg fehlen uns leider die Waffen, für eine Welt ohne Angst fehlt uns leider der Mut..." Oder an anderer Stelle in dem Song "Ring frei": "Vor'm Fundbüro für verlorene Träume stehen viele Menschen und warten Tag und Nacht. Doch das Fundbüro für verlorene Träume hat seine Tür noch niemals aufgemacht..." "Eisbrecher" war das erste Album der Band, welches nicht mehr von Reinhold Heil produziert wurde, sondern von Klaus Voormann. 1987 veröffentlichte man dann noch eine zweite Auskopplung mit "Engel der Nacht". Die sehr rockige und temporeiche Maxi-Single sei jedem empfohlen. Doch die Fans, die noch begeistert zu "99 Luftballons" und "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" getanzt und gesungen hatten, kehrten nicht zu ihrem einstigen Idol zurück. Es war an der Zeit Abschied zu nehmen. Die Band löste sich auf und hinterließ vier, sowohl musikalisch als auch textlich hervorragende reguläre (ohne Best Of- und englischsprachig) Alben.

"Wunder gescheh'n - wir dürfen nicht nur an das glauben, was wir seh'n". Ein wichtiger Satz. Denn nichts ist bekanntlich so wie es scheint. Das traf auch auf den einstigen Super-Star NENA zu. 1989 meldete sie sich mit ihrem ersten Solo-Album ("Wunder gescheh'n", Epic) wieder sehr erfolgreich zurück. Es war eben noch nicht vorbei. Mit der Karriere. Auf dieser LP verarbeitete die Sängerin den Tod ihres ersten Kindes Christopher, der behindert zur Welt gekommen war. NENA gab diesem Kind all ihre Liebe und ging mit ihm gemeinsam den Weg seines kurzen Lebens. In regelmäßigen Abständen veröffentlichte NENA Album um Album. Erfand sich immer wieder neu. Kurze Haare, lange Haare, blond, braun, schwarz. Durchaus auch von Pop-Ikonen wie Madonna und Kylie Minogue inspiriert. Musikalisch versuchte sie sich immer wieder in unterschiedlichen Stilen, denen sie aber mit ihrer unverwechselbaren Stimme das typische "NENA-Gewand" gab. Spiritualität wurde für die Künstlerin ein immer wichtigeres Thema. Auch in der Öffentlichkeit sprach sie offen über ihre Ansichten und Lebenseinstellung und stieß damit nicht immer auf Verständnis.

2002 gelang der Sängerin ein phänomenales "Comeback". Mit "Nena feat. Nena" stürmte sie die Charts wie zu Zeiten der NDW. Die alten Songs neu aufgenommen. Teilweise mit Künstlern wie Udo Lindenberg, Kim Wilde u.a. eingesungen. Spätestens seit diesem Album ist NENA wieder konstant in den obersten Chartpositionen vertreten. "...Ihr kennt mich vielleicht noch von ein paar Klassikern aus den Achtzigern...", lautet eine Zeile aus dem aktuellen Album von 2015 "Oldschool", an dem u.a. auch Samy DeLuxe erheblich beteiligt war. Ja, so kann man es in etwa beschreiben. Ein "paar" NENA-Klassiker kennt wohl jeder. Oder um mit einem weiteren Zitat aus "Oldschool" zu antworten: "...und so singen wir die ganze Nacht unsere Lieblingslieder, Lieder von früher..." Und von heute! NENA hat es geschafft mehrere Generationen mit ihrer Musik zu verbinden. Das ist das, was letztendlich zählt. Die Verbindung von Menschen untereinander.

Am 16. Oktober 2014 erschien im Aufbau-Verlag das Buch vom einstigen Schlagzeuger der Band und langjährigem Freund von NENA. Rolf Brendel: "NENA - Geschichte einer Band". Sehr ehrlich, aus seiner ganz persönlichen Sicht und Erinnerung heraus erzählt und aufgeschrieben. Ein sehr interessantes Interview mit Rolf Brendel finden Sie auch unter: http://www.dalila-light.de/must-have/rolf-brendel-klar-waren-wir-zeitgeist/

Hinweis
Viele interessante Artikel gibt es auch auf der Homepage von Daniela Herbig unter: http://www.dalila-light.de

Musik von Nena bei Amazon:
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Text: Daniela Herbig
Fotos: Audioarchiv RADIO fresh80s
Titelbild: ©Kristian Schuller



COSA ROSA: „Singen, tanzen, spielen, eine Liebe…“

Am 03.05.1952 erblickte eine gewisse Rosemarie Precht das Licht der Welt. 31 Jahre später lief ein Titel in sämtlichen Radio-Stationen rauf und runter. "Rosa auf Hawaii". Text hatte dieser Song, außer "...dadadiaodijei..." nicht (viel), aber eine tolle und eingängige Melodie. Der Song blieb im Ohr und machte neugierig auf die Stimme, die das sang. Wer war'n das? Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam auf ein Projekt namens "COSA ROSA". Die Single "Rosa auf Hawaii" etablierte "COSA ROSA". Jetzt hatte man zwar einen Namen, jedoch wußte man immer noch nicht genau: Wer war'n das? "COSA ROSA" war das gemeinsame Projekt von Spliff-Keyboarder und Nena-Produzent Reinhold Heil und besagter Rosemarie Precht.

Rosa war ursprünglich studierte Architektin und widmete sich aber nebenbei immer ihrer Leidenschaft, der Musik. Als "Rosa auf Hawaii" mit dem dazugehörigen Album "Traumstation" (CBS) 1983 für durchweg gute Kritiken bei den Musik-Redakteuren sorgte, war die blonde, gutaussehende 31-jährige Sängerin jedoch schon längst keine Unbekannte mehr in der Musik-Szene.

Etwas früher: In der Frauen-Band "Insisters" bediente sie die Tasteninstrumente. Das Album "Moderne Zeiten" wurde veröffentlicht. Die Musik, die "Insisters" machte, war aber nicht das, was Rosa jeden Tag hören oder selber machen würde. 1981 steigt sie aus der Gruppe aus, um in der Band von keiner geringeren als "Ulla Meinecke" mitzuspielen. Sie geht mit ihr zusammen auf Tour. 1982 fängt die Musikerin an selbst zu komponieren. Reinhold Heil, seit 1976 der Lebensgefährte von Rosa, hörte das Material und beschloß ein gemeinsames Projekt zu starten. In einem Interview mit "Deutsche Mugge" erzählte er 2006: "Ich hatte mich wirklich lange genug dagegen gewehrt, meine Freundin (die Architektin und Hobbymusikerin) als Kollegin zu akzeptieren. Aber das waren einfach zu erdrückende Beweise für ihr überbordendes Talent."

Das erste Album "Traumstation" (welches nur mit Synthesizern und Rhythmusmaschinen aufgenommen wurde; Ausnahme das Saxophon bei "Die Frau ist'n Kerl") war ein Sammelsurium von Songs, die Reinhold Heil geschrieben hatte, bei "Spliff" aber übriggeblieben waren, weil sie nicht in das Bandkonzept paßten und Rosa's eigenen Sachen. Und genauso klingt das Ergebnis auch. Irgendetwas wirkt nicht stimmig, und trotzdem hat dieses Werk seinen ganz eigenen Reiz. "Her mit dem Kindergeld" erzählt eine sehr fantasiereiche Geschichte, wozu man Kindergeld auch sonst noch verwenden könnte. "...ich will die U-Bahn kaufen, das wäre schön - nen Bahnhof aus Kristall, ihr werdet schon seh'n..." Bei "Na komm' schon" heißt es im Refrain: "...na komm' schon - wer nichts riskiert, verblödet garantiert...wer nichts riskiert wird seh'n, was er dabei verliert..." Textlich und musikalisch zeichnete sich bei "Traumstation" schnell ab, daß man sich auf eine weitere wunderbare Entwicklung bei "COSA ROSA" freuen durfte. So viel Potential, versammelt auf einem Album.

Die ausgekoppelte Single "Rosa auf Hawaii" wurde extra für die Radio-Sender bearbeitet und ist nicht identisch mit der Album-Version. Insgesamt gab es zwei Auskoppelungen aus "Traumstation". "Im freien Fall" war die allererste Single von "COSA ROSA" überhaupt. Da Rosa neben ihrem eigenen Projekt auch bei Ulla Meinecke in der Band spielte, ergab es sich, daß sie auch dort den ein oder anderen Song beisteuerte. "Süsse Sünden" erschien 1983 auf dem Meinecke-Album "Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig".

"Formel Eins" (1983-1990) war in den Achtzigern die angesagteste und schlichtweg einzige Musik-Sendung, in der Musik-Videos aus den aktuellen Charts bundesweit gespielt wurden. Es wurde immer wichtiger nicht nur im Radio gespielt zu werden, sondern auch eine visuelle Umsetzung der entsprechenden Singles zu präsentieren. "COSA ROSA" drehten zusammen mit Michael Bentele (seinerzeit "Formel Eins - Regisseur") in München einen Clip zu "Rosa auf Hawaii". Als Special Guest war Eisi Gulp mit am Start. Auch zu "Her mit dem Kindergeld" wurde ein Video produziert. Die Rakete "COSA ROSA" war gezündet. Rakete? Ein gewisser Jim Rakete (eigentlich Günther Rakete) hatte in der Zeit von 1977 bis 1987 in einer Kreuzberger Fabriketage eine Fotoagentur mit dem schlichten Namen "Fabrik". Segitzdamm 2 in 1000 Berlin 61. Diese Adresse konnte man auf vielen Back-Covern in den achtziger Jahren lesen. Eigentlich arbeitete er als Fotograf und Fotojournalist, betreute aber Ende der Siebziger bis Ende der Achtziger viele Künstler als Manager und/oder Fotograf. Darunter befanden sich u.a. Nena, Die Ärzte, Spliff und auch COSA ROSA.

1984 veröffentlichte "COSA ROSA" die Single "Gefühle". Diese war sozusagen das Bindeglied bis zum nächsten erscheinenden Album. "Musik-Express Sounds" schrieb: "..."COSA ROSA" auf der Suche nach Gefühlen..." Im Juli 1985 erzählte Rosa Andreas Hub im "Fachblatt Musikmagazin": "Man hat mir ja vorgeworfen, ich würde von mir selbst nichts preisgeben. Bei diesem Lied dachte ich dann, da habe ich mich offengelegt bis auf's Hemd. Für mich war das ein Schritt in die totale Offenheit und das wollte ich auch beibehalten..." "Gefühle, die sind so schön und die tun so weh, sie kommen und sie gehen - geschmolzener Schnee..." oder "Gefühle hinter einer Haut aus Pergament, die lass' ich raus im falschen Moment..."

Rosemarie Precht war nicht nur eine virtuose Keyboardspielerin, sondern auch eine ausgezeichnete Texterin und Sängerin. Ihre Songs hatten etwas "sphärisches", ein bißchen wie aus einer anderen Welt. Sie waren weder versponnen noch weit hergeholt. Sie waren einfach anders. Dazu ihre glockenhelle und klare Stimme. Rosa selbst sah sich als Sängerin in den tieferen Tonlagen zuhause. Die mittleren empfand sie eher als schwierig, weil ihre Stimme da einen Bruch hatte, wie sie im Interview mit "Fachblatt Musikmagazin" erzählte. Ebenfalls 1984 konnte man ihren Namen auf der LP von Alan Woerner, der mit dem Ton Steine Scherben-Klassiker "Lass' uns 'n Wunder sein" 1985 seinen größten kommerziellen Erfolg hatte, lesen. Das Album enthielt neun Songs und Rosa war als Gast-Sängerin bei insgesamt drei Titeln mit dabei. Auf dem Album mit dem passenden Namen "...bis irgendwas passiert" (CBS), gab es auch ein Lied, welches sich "Rosa" nannte. Früher habe ich doch glatt gedacht, daß Alan Woerner diesen Song über sie, also Rosa, geschrieben hat. Da war ich 13.

Mitten in der Arbeit für das kommende Album "Kein Zufall" erkrankte Rosemarie schwer. Eine "COSA ROSA-Tournee" hatte es deshalb nie gegeben. Öffentlich wollte sie das damals nie machen, deshalb sei es auch an dieser Stelle nur kurz erwähnt. Die Single "In meinen Armen" erschien und war die erste von insgesamt vier Auskoppelungen aus "Kein Zufall". Auch die "Brücken-Single" "Gefühle" befand sich auf der neuen LP. Single und Album-Version sind hier ebenfalls nicht ganz identisch, da die Single-Ausgabe insgesamt ein wenig länger ist. Am Ende wird der Refrain zweimal, statt wie in der Album-Version nur einmal gesungen.

"In meinen Armen" entwickelte sich zum Radio-Liebling und Rosa trat damit u.a. in der ZDF-Hitparade auf, die zu der Zeit bereits von Viktor Worms moderiert wurde. Sie saß am Klavier und sang live zum restlichen Playback. Ihre Mimik und Präsenz zeigten auch hier deutlich, daß sie das Zeug zu einem Star hatte. Auch, wenn die alleinige Aufmerksamkeit, die ihr auf der Bühne im Projekt "COSA ROSA" zuteil wurde, fast schon ein bißchen zu viel war. "Kein Zufall" schaffte es bis auf einen ansehnlichen Platz 40 und konnte sich acht Wochen in den Charts halten. Das Album beinhaltet unheimlich viele kleine und größere musikalische Leckerbissen und ist mit einer Vielschichtigkeit in Gesang,Text und technischen Raffinessen ausgestattet, daß es eine Freude ist, die Platte auch ein zehntes Mal hintereinander zu hören, ohne genervt den ein oder anderen Titel zwecks Überhörung zu überspringen. Mit Curt Cress (Schlagzeug) und Peter Weihe (Gitarre) hatte man zusätzlich zwei sehr erfahrene und hochkarätige Musiker engagiert. Rosa selbst beweist auf diesem Album ihre hervorragenden gesanglichen Qualitäten.

In die ZDF-Hitparade schaffte es Rosa insgesamt zweimal. Mit "Millionenmal" erreichte sie ihren größten Erfolg und war mit diesem Titel natürlich auch in der "Hitparade" zu Gast, wo auch ich ihr kurz vor der Generalprobe begegnen durfte. Der Song katapultierte sich in die Top Ten der Verkaufs-Charts. Ein Radio-Dauerbrenner ist er bis heute. "Millionenmal" ist DAS "COSA ROSA"-Lied, mit dem fast jeder Rosa identifiziert. "...ich spucke in die Luft und warte was passiert...manche mögen Männer mit Millionen - manche mögen Männer mit Moral..." Die nächste Single hieß "Riesenrad" und war musikalisch komplett neu bearbeitet und hatte nichts mehr mit der Album-Version zu tun. Schneller, radiotauglicher.

"Millionenmal" und "Riesenrad" waren zusätzlich zu den Single-Varianten auch als Maxi-Single" erschienen. Die B-Seite von "Millionenmal" enthielt einen wunderbaren Titel mit dem Namen "Morgenluft". Kein Text, sondern wie bei "Rosa auf Hawaii" erklingt Rosa's Stimme engelsgleich zur Musik. Dieses Lied versprüht so viel gute Laune und Lebensfreude, daß man es immer anhören sollte, bevor man sich die Nachrichten ansieht.

Auch das DDR-Label AMIGA veröffentlichte als "AMIGA Quartett" "COSA ROSA" und hatte dafür "In meinen Armen", "Millionenmal", "Gefühle" und "Trübe Tassen" ausgewählt. 1985 war ein sehr erfolgreiches Jahr für Rosa. Für Nena, mit der die Medien Rosa gerne verglichen, ging es in diesem Jahr nach drei Jahren auf der Erfolgs-Überholspur langsam bergab. Der Longplayer "Feuer & Flamme" verkaufte sich zum damaligen Zeitpunkt noch rund 255.000 mal, was aber immerhin noch "Gold-Status" bedeutete. (Zu der Zeit gab es für 250.000 verkaufte Exemplare "Gold" und für 500.000 "Platin"). Rosa sang neben Nena die "Backing Vocals" für den Song "Utopia". Carlo Carges, der mit "99 Luftballons" den Nena-Hit schlechthin geschrieben hatte, äußerte sich im 1984er Buch "Nena: Songs & Photos" folgendermaßen zu seinen weiteren zwei Träumen, die er zu diesem Zeitpunkt verfolgen wollte: "...mit COSA's ROSA eine Band "Short People" zu gründen und Keith Richards unter den Tisch zu trinken..."

Nur ein Jahr später, 1986, sollte das dritte und letzte Album der begabten Musikerin erscheinen. Als Vorab-Single wählte man einen wunderbaren Pop-Song. "Puppe kaputt". "...die Automatik defekt, das Gewissen versagt, ab heute geht's nur noch ab und nicht zu knapp. Vom eigenen Gelächter aus dem Schlaf gerissen, stehst du auf und hast im Glashaus mit Steinen geschmissen..." "Puppe kaputt" schaffte es in die Top 100. Das folgende Album mit dem schlichten Titel "COSA ROSA" war voller melodischer musikalischer Klangbilder und wunderschöner Geschichten, die Rosa mit ihrer gefühlvollen Stimme prägte. Mit "Was ich will" wurde noch eine weitere Single ausgekoppelt. Es sollte die letzte Veröffentlichung von ihr bleiben.

Wenn man die Musik von "COSA ROSA" mit dem Begriff "sphärisch" bezeichnen möchte, dann war dieses Album ganz "besonders sphärisch". Es enthält wunderbare Textzeilen, die für sich allein genommen fast so etwas wie ein Statement sein können: "...der Unsinn des Lebens treibt uns an den Rand..." heißt es in "Hart am Rand" oder "...wir Menschen sind mutig, haben keine Angst vor uns selbst - gut gelaunt ins Verderben..." in "Morgens um Vier".

Das Textmaterial von "COSA ROSA" ist voller Leben, Träumereien und kleineren und größeren Gefühlen. Kein Einheitsbrei. Sensibilität und ein Gespür für's Erzählen bewies Rosemarie Precht in ihren Songs. Gesungen von einer unverwechselbaren Stimme, die es schaffte gefühlvoll und kraftvoll gleichermaßen zu klingen, wenn die Songs es verlangten.

1987 wurde es immer stiller um die damals 34jährige Sängerin. Ende der Achtziger hieß es dann in der Presse, daß es ihr gesundheitlich sehr schlecht ginge. "...ich muß jetzt geh'n, damit ich wiederkommen kann", sang sie in "Oase". Am 31. Januar 1991 starb sie an Magenkrebs. Rosemarie Precht wurde im niedersächsischen Walsrode OT Benzen beigesetzt. Geblieben ist die Musik einer außergewöhnlichen Künstlerin, die ein besonderes Gespür für poetisch-lyrische Texte hatte, gepaart mit einer unverwechselbaren gefühlvollen und gleichzeitig kraftvollen Stimme. "...singen, tanzen, spielen, eine Liebe..."

Hinweis
Viele interessante Fotos und Videos zu Cosa Rosa gibt es begleitend zu diesem Artikel auf der Homepage von Daniela Herbig unter: http://www.dalila-light.de/must-have/cosa-rosa-fotos-videos/

Musik von Cosa Rosa bei Amazon:
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Text: Daniela Herbig
Fotos: Audioarchiv RADIO fresh80s
Titelfoto: Mit freundlicher Genehmigung von ©Jim Rakete