Rio Reiser: „…bei euch da unten läuft doch alles schief…“
- Daniela Herbig
- 6. Januar 2016
1987 sang Rio Reiser auf seinem zweiten Solo-Album "Blinder Passagier" (CBS) in dem Song "Arche B." (Text: Misha Schöneberg): "...neulich schrieb mir Noah einen Brief, bei euch da unten läuft doch alles schief, aber lass' uns jetzt nicht lange reden - wieso, weshalb und warum und weswegen...". Wenn Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser heute noch leben würde, würde er vermutlich diese Textzeile genauso singen wie vor 29 Jahren. Die Menschheit steht nach wie vor vor denselben Problemen (mögen sich die Darstellungsformen mitunter auch in einem anderen Gesicht zeigen) und der Suche nach Antworten und umsetzbaren Lösungen.
Rio Reiser, der am Tag seiner Geburt am 09.01.1950 als erstes eine vierzig Watt Glühbirne erblickte und als zweites das Osram-Blitzlicht seines Vaters, hätte als Musiker, Texter und Songschreiber, der die Welt und das Leben neugierig und hinterfragend (er-)lebte und beobachtete, noch genügend Material für unzählige Songs. Seine Band "Ton Steine Scherben" (1970-1985) lieferte Anfang der Siebziger den Soundtrack der linken Szene mit den bekannten Titeln wie "Keine Macht für Niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Einprägsame Parolen, die sofort im Ohr blieben. Man verschaffte sich Gehör. Und darum ging es letztendlich. "Ton Steine Scherben" verstanden sich als Musiker-Kollektiv, in dem Kreativität und das Entwickeln von Songs eine sehr wichtige Rolle spielten. Im Laufe der Zeit entzog sich die Band dem Anspruch und der Vereinnahmung der linken Szene und kaufte einen Bauernhof in Fresenhagen (Nordfriesland). Weit ab von Berlin entstanden neue Eindrücke und Ideen, die auf dem 1975 erschienenen Doppel-Album der Scherben "Wenn die Nacht am tiefsten..." (David Volksmund Produktion) ihren Weg auf Platte fanden. Noch deutlicher wurde der Abstand von Berlin auf der sogenannten "Schwarzen" (1981; David Volksmund Produktion). Ebenfalls eine Doppel-LP mit dem schlichten Titel "IV". Klassiker wie "Jenseits von Eden", "Der Turm stürzt ein" und "Heimweh" sind auf diesem Album verewigt worden. 1984 veröffentlichte die Major Company Wea die Single "Dr. Sommer" mit Rio Reiser, produziert von Annette Humpe und Gareth Jones . 1985 kam das Aus für die Scherben. Schulden von rund 200.000 DM hatten sich angehäuft. Die Band löste sich auf. Rio Reiser machte allein weiter.
1986 begann die Solo-Zeit von Rio Reiser. Annette Humpe (Ideal) hatte den Kontakt zu George Glueck hergestellt. Rio's zukünftigem Manager. Im Januar 1986 erschien die Single und Maxi-Single "Alles Lüge" (CBS) und sorgte für Neugier und Anerkennung bei denjenigen, die Rio Reiser bis dato nicht kannten und für Ablehnung derer, die ihr Idol aus der linken Szene nicht kommerzialisiert wissen wollten. Bis heute habe ich dieses Phänomen nicht verstanden: Was daran falsch sein soll, wenn ein Musiker seine Songs nun einer breiteren Masse zugänglich machen kann. Rio Reiser hat in seiner Solo-Zeit die gleichen Themen besungen, wie zu Scherben-Zeiten. Und viel Song-Material aus der Zeit mit "Ton Steine Scherben" verwendet, wie z.B. die erste Single "Alles Lüge". Liebeslieder, Seemannslieder und kleine Geschichten bekamen ebenfalls mehr Raum.
Gleich die zweite Single-Veröffentlichung aus dem erfolgreichen ersten Album "Rio I." (CBS) "König von Deutschland" avancierte zum größten Hit von Reiser. Und ist bis heute unzählige Male gecovert worden. Die Radio-Stationen liebten den Titel und spielten ihn rauf und runter. Leider entwickelte sich "König von Deutschland" ein wenig zu "Fluch und Segen" gleichermaßen. Plattenfirma und auch Fans wollten von da an immer wieder einen zweiten "König von Deutschland". Sprich einen mindestens genauso großen Erfolg oder aber besser einen noch größeren als mit dem "alten König". Erst einmal koppelte man noch zwei weitere Singles aus dem Erfolgsalbum aus. "Junimond" und "Für immer und dich". Beide CBS. Und beide ebenfalls auch als Maxi-Single erschienen. "Für immer und dich" erstrahlte in einem aufgefrischten Sound-Gewand und klang somit anders als auf der LP. "Rio I." wurde mit hochkarätigen Studio-Musikern wie u.a. Curt Cress, Peter Weihe und Kenneth Tayler eingespielt. Annette Humpe und Udo Arndt produzierten das "Erstlingswerk". Rio Reiser hatte 1986 sein erfolgreichstes Jahr und wurde von den Lesern der Zeitschrift "Musik Express" zum erfolgreichsten "Newcomer" gewählt. Was deutlich machte, daß Rio Reiser zwar schon seit 26 Jahren (ab der "Scherben-Zeit" gezählt) als Musiker arbeitete, aber eben der breiten Masse nicht bekannt war. Das von allen Seiten hochgelobte Album "Rio I." schaffte es bis auf Platz 26 der deutschen Charts.
1987 erschien das bereits oben erwähnte Album "Blinder Passagier" (CBS) und enthielt viele schöne Songs. Bänkelgesänge, Seemannslieder, Songs voller Poesie und Kritik. Die "Gropiuslerchen", die mit dem Lied "Berlin, Berlin" 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins in den Charts waren, sangen auf "Blinder Passagier"den Chor bei der wunderschönen Pop-Ballade "Der Sommer kommt". Mit "Manager" startete man einen zweiten Versuch um ein wenig an den Erfolg von "König von Deutschland" anzuknüpfen. Einzigartige Textzeilen, die mehr als deutlich machten, daß Rio Reiser ein Texter war, der seinesgleichen suchte, befanden sich auf diesem zweiten Longplayer. "...du sagst du willst die Welt nicht ändern, und ich frag' mich, wie machst du das nur..." ("Wann"; Text: Rio Reiser). Oder "Normal" (Text: Rio Reiser): "...ich bin normal wie du und ich, weiß was ich tun darf und was nicht, ich mach' alles, was man mir sagt, ich hab' noch nie Warum gefragt..." Rio Reiser war ein begnadeter Sänger und schaffte es jedem Song eine gesangliche Atmosphäre einzuhauchen, die den Zuhörer erreichte. Nicht nur oberflächlich, im Vorbeigehen, sondern tiefer. Er berührte die Seele. Die Herzen. Es gibt nicht so viele Sänger, die diese Tür bei ihren Hörern öffnen können. Denn hierbei geht es nicht um den perfekten Gesang, der jeden Ton trifft, sondern darum das Gefühl in die Stimme zu transportieren. Rio's Stimme konnte problemlos und gleichermaßen freche Rotzigkeit, Ironie, Liebeskummer, Sehnsucht, Verzweiflung und Stärke ausdrücken. All das floss authentisch in seine Songs ein.
Das dritte Album, welches den schlichten Titel "Rio***" trug (das mit den drei Sternchen), erschien 1990 bei CBS. Produziert wurde es von "den Kuhjaus". Hinter diesem Pseudonym verbargen sich Udo Arndt und Reinhold Heil (Spliff / COSA ROSA). Ein synthetischer Klangteppich durchzieht das gesamte Album. Dieser endet aber nach jeweils drei Titeln. Dort stoppte dann das Tonband und Rio mußte es wechseln, wie er im Pressetext-Material zu dieser Platte erzählte. Zwei Singles, die auch als Maxi erschienen sind, wurden ausgekoppelt. "Zauberland" und "Geld". "Zauberland" gilt neben "Junimond" und "Für immer und dich" als eine der schönsten Balladen von Rio Reiser. Bis heute. Mit dem Refrain von "Alles" (Text: Rio Reiser) erinnerte der Songpoet u.a. an die Kraft der Fantasie: "...alles, was ich sein will, kann ich sein - ich kann alles sein, was ich will..." Wie oft diese lebendige und kreative Kraft, die in jedem Menschen vorhanden ist, im hektischen Alltag verloren geht, läßt sich nur erahnen. Oft, sehr oft. Die ebenfalls wunderschöne Ballade "4 Wände" zählt heute zu den Reiser-Kult-Songs. "...vier Wände, meine vier Wände, ich brauch' meine vier Wände für mich..." Wie glücklich man sich schätzen kann, wenn man seine eigenen vier Wände besitzt.
Manchmal mußte es auch mit dem Kopf "Durch die Wand" sein. Für den im Tierkreiszeichen "Steinbock" geborenen Musiker traf auch dieses Merkmal zu. Spätestens mit dem vierten Studio-Album. "Durch die Wand" (Columbia) 1991. Als Single-Auskopplungen erschienen "Jetzt schlägt's dreizehn" (auch als Maxi erschienen) und "Nur dich" (1992). Lutz Kerschowski, ein Musiker aus der ehemaligen DDR, war mittlerweile festes Band-Mitglied bei Rio Reiser und schrieb den Text für "Nur dich". 1988 spielte er als Vorgruppe beim legendären Rio-Reiser-Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle. Der wunderschöne und eindringliche Song "Der Krieg" (Text: Rio Reiser) kommt auf diesem Album zwar nicht ganz so intensiv daher, wie auf der von Möbius-Rekords 1998 veröffentlichten CD "Rio am Piano I", ist aber bis heute unverzichtbarer und zeitloser Bestandteil der Rio-Must-Have-Songs: "...der Krieg, er ist nicht tot der Krieg, er ist nicht tot er schläft nur, er liegt da unterm Apfelbaum und wartet - auf dich, auf mich - er ist nicht tot der Krieg..."
Da der Erfolg von "König von Deutschland" und dem dazugehörigen Album "Rio I." sich nicht wieder einstellte, versuchte man es noch einmal mit Erfolgsproduzentin Annette Humpe. Rio Reiser, der immer lieber Musik machen wollte als in irgendwelchen Talkshows zu erzählen, daß er eine neue Platte gemacht hat, hatte mittlerweile immer weniger Lust auf Interviews, in denen er sich ohnehin meistens nur oberflächlich und mit den immer gleichen Fragen konfrontiert sah. Das 1993 erschienene fünfte Album nannte sich einfach "Über alles" (Columbia). Mittlerweile war CBS The Family of Music schon längst von Sony Music übernommen worden. Mit "Neun99zig" widmete sich Rio dem bis heute anhaltenden "Phänomen" der auf Preisschildern stehenden 99 Pfennig nach dem Komma. Und kommt zu dem Schluß: "...ich schenk' dir 'n Pfennig und kassier' 'ne Million...9,99 keine zehn Mark..." Heute ist es natürlich der Cent. "Nimmst du mich mit" und "Inazitty" erschienen als Maxi-CD. Die CD hatte das Vinyl abgelöst.
1994 gab es eine "Best-Of" mit einer neu arrangierten Version vom "König von Deutschland" Textlich aktualisiert. Und ein klein wenig kehrte für einen kurzen Moment der Erfolg von einst zurück.
Bereits 1995, neun Jahre nach dem Beginn der Solo-Karriere, erblickte "Himmel & Hölle" (Columbia) als sechstes Album das Licht der Musik-Welt. Dass dieses Album das letzte von dem Sänger mit der Stimme, die aus der Seele kam, werden sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand. "Straße" und "Träume" wurden als Maxi-CD veröffentlicht. "...Träume verweh'n, wenn niemand da ist, der sie träumen kann...", heißt es in "Träume". Dieser Song stammte aus dem Tatort "Im Herzen Eiszeit", in dem Rio Reiser eine der Hauptrollen spielte. Das Album enthält elf wunderbare Rock-Songs und Balladen und kam wieder sehr viel rockiger daher, als die Vorgänger-Alben. Als letzter Titel befand sich "Himmel & Erde" (Text: Rio Reiser) auf der CD: "...und da waren zwei Menschen, die trafen vier Menschen, die trafen acht Menschen, die trafen sechzehn Menschen, trafen zweiunddreissig Menschen und die hatten sich gerne, die bauten 'ne Leiter wollten bis zu den Sternen - am Schluß waren's viel mehr als hunderttausend Leut' und wenn wir nicht gestorben sind leben wir noch heut'..."
Rio Reiser starb am 20. August 1996 auf seinem Hof in Fresenhagen (Nordfriesland). Bis 2011 befand sich sein Grab hinter seinem Haus. Seit 11. Februar 2011 befindet sich seine letzte Ruhestätte auf dem St.Matthäus Friedhof in Berlin.
Der Ein oder Andere mag sich jetzt fragen, warum hier nichts über seine Kindheit steht, über seine Jugend, nichts über das Hoffmann's Comic Teater, nichts über seinen ersten Kino-Fim "Johnny West", so wenig über Ton Steine Scherben, seine Mitgliedschaft in der PDS, nichts über Claudia Roth als Managerin der Scherben und nichts über seine Homosexualität und nichts über die Songs, die er für andere Künstler, wie Ulla Meinecke, Pe Werner u.a. geschrieben hat, nichts über seine Familie, nichts über weitere Film-Musiken und nichts über... All diese Dinge sind schon so oft ge- und beschrieben worden. In Büchern, Zeitschriften-Artikeln, In Foren, auf Webseiten, in Biografien und Autobiografien und und und. Dieser Artikel ist eine Erinnerung an einen einzigartigen Musiker, der die deutsche Sprache so wunderbar in Song-Texte transportieren konnte, daß Menschen sich in ihrer Seele und in ihrem Herz berührt gefühlt haben und immer noch fühlen. Das ist das, was immer bleibt: Die unvergessene Musik eines einzigartigen Künstlers. Und das ist das, was die Menschen verbindet. In Rio Reiser's Musik. "...da war ein Wort am Anfang der Welt, ein Wort das die dunkelste Nacht erhellt, das Wort war Liebe war das Wort und das ist der Schlüssel zum großen Tor..." ("Irrlicht"; Text: Rio Reiser)
Text: Daniela Herbig
Fotos: Audioarchiv RADIO fresh80s
Am 27. Februrar 2015 erschien das achtzehnte reguläre NENA-Album "Oldschool" (Lough & Peas Companay BMG) auf dem Markt. (Sämtliche Live-, Best Of-, englischsprachige und Kinder-Alben nicht mitgezählt.) Die mittlerweile 55-jährige Sängerin (geb. 24.03.1960) zählt zu den größten Popstars in der deutschen Musikgeschichte. Wer hätte das Anfang der Achtziger für möglich gehalten?
Mit den berühmten "99 Luftballons", geschrieben von Carlo Karges (gestorben am 30. Januar 2002), gelang den Nena's sogar der internationale Durchbruch. Weltweit flogen die "99 Luftballons" in die Charts ein. Der Anti-Kriegs-Song wurde von Christiane F., neben vielen anderen Titeln, mit auf eine USA-Reise genommen. DJ Rodney Bingenheimer vom nordamerikanischen alternativen Radio-Sender K-ROQ wurde auf das Lied aufmerksam. Dort gespielt, verbreitete sich der Song ebenfalls in rasantem Tempo und avancierte auch in den USA zu einem Mega-Hit. Die deutsche Original-Version der "99 Luftballons" flog in Amerika bis auf Platz 2. In England hingegen veröffentlichte man Ende 1983 mit "99 red balloons" eine englischsprachige Variante des Top-Hits, der es dann im Februar 1984 bis an die Spitzenposition der Charts schaffte.
Die steile Karriere von NENA glich fast einem Märchen. Mädchen und junge Frauen wollten unbedingt wie NENA aussehen. Jungs und Männer verliebten sich reihenweise in das deutsche Pop-Mädchen, welches mit seiner teils unbedarft, frech, fröhlichen Art vielleicht an eigene (verlorene) Träume und Sehnsüchte erinnerte. NENA versprühte eine Form von Lebendigkeit und Unbekümmertheit, die die alltäglichen Nöte und Sorgen ihrer Fans für einen Moment in den Hintergrund treten ließen. Als die NDW (Neue Deutsche Welle) 1982 ihre kommerzielle Hoch-Phase erreichte, wurde NENA zum Aushängeschild. An diesen vier Buchstaben kam keiner (mehr) vorbei. Die Jugendzeitschrift BRAVO platzierte das Fräuleinwunder wöchentlich auf der Titelseite und es verging kaum eine Ausgabe ohne NENA-News und Berichte. Es folgten Poster, Star-Sticker, Star-Album, Star-Bühne und zwei Star-Schnitte. Wer NENA unbedingt in Lebensgröße (wer wollte das damals nicht?) in seine vier Wände oder wo auch immer hinhängen wollte, hatte mit BRAVO die Zeitschrift gewählt, die es Teenie-Träumereien und Fantasien ermöglichte dem Liebling der Nation 'mal "so ganz nahe" zu kommen. Neben dem Jugendmagazin Nummer Eins, sprangen natürlich auch alle anderen Medien auf den NENA-D-Zug auf. Einschaltquoten und Auflagen ließen sich mit NENA erhöhen. NENA war ein Phänomen, welches manchmal wie aus einer fernen Galaxie auf diesem Planeten wirkte. Der "Stern" titelte 1983: "NENA - Der singende Zeitgeist".
Mit zunehmendem Erfolg kamen auch die Neider. Das immer gleiche Phänomen (besonders in Deutschland). Ist jemand erst einmal groß genug geworden, beginnt man langsam aber sicher den einst hochbejubelten Star daran zu erinnern, daß das Hoch jetzt nun reicht. Die aufgebauten Türmchen müssen wieder zertrümmert werden. Zugegeben kam NENA anfangs noch eher bescheiden daher, wurde mit dem stetig steigenden Erfolg auch schon 'mal ordentlich geprotzt. Aber das ist ja kein allein NENA-typisches Phänomen. In einer Welle von überschäumendem Erfolg und wenn einem die ganze Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen liegt, ist es ganz sicher auch nicht leicht immer die "Bodenhaftung" zu bewahren. Erfolg will auch verarbeitet werden. Und dafür hatte die Band schlichtweg keine Zeit.
Das Album "Feuer & Flamme" (CBS), welches ebenfalls auch als komplett englischsprachige Ausgabe erschien unter dem Titel "It's all in the game" (CBS), zeichnete sich durch eine tolle, wenn auch manchmal "etwas zu viel-Produktion" aus. Auch die Texte wirkten "gereifter". In "Haus der drei Sonnen" (Text: Carlo Karges; Musik: Uwe Fahrenkrog-Petersen) wurde die Geschichte eines Spielers erzählt, der sich an den Spielautomaten verliert und "Das alte Lied" (Text: Carlo Karges; Musik: Jürgen Dehmel) handelte von dem immer gleichen Trott und das jeder immer das macht, was er eben macht. Tagein tagaus, ohne vielleicht einmal innezuhalten, ob das nun auch wirklich so richtig ist. Dieses tagein tagaus. "...Spekulanten spekulieren, Demonstranten demonstrieren, Polizisten patroullieren...und die ganze Welt singt mit das alte Lied..." Die NENA-Fans wollten das alte NENA-Lied aber immer weniger mitsingen und zogen sich zurück oder wandten ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Mit "Du kennst die Liebe nicht" (Text und Musik: Nena Kerner) wurde 1986 eine völlig neu arrangierte Single- und Maxi-Version des Lieblingsstücks der NENA-Fans vom "Feuer & Flamme"-Album veröffentlicht, die musikalisch nichts mehr mit der Version vom Longplayer gemeinsam hatte. Aus einer Ballade wurde nun ein Rock-Song.
1986 erschien das letzte NENA-Album als Band. "Eisbrecher" (CBS). Hier war man wieder zurückgekehrt. Zu den Wurzeln. Und man hoffte, daß auch die Fans wieder den Weg zu NENA finden würden. "...es ging alles viel zu schnell, deshalb konntet ihr uns auch gar nicht seh'n, wir wollten euch auch nicht schockier'n, doch wir hoffen auf ein Wiederseh'n...", hieß es in "Mondsong", der ersten Single-Auskopplung. "Mondsong" schaffte es immerhin noch einmal auf Platz 36 der Single-Charts, konnte aber an die Erfolge von einst nicht mehr anknüpfen. Das Album klang durchweg erdiger und rockiger als das sehr stark, an manchen Stellen, wie oben bereits erwähnt, auch etwas überproduzierte "Feuer & Flamme".
"Wunder gescheh'n - wir dürfen nicht nur an das glauben, was wir seh'n". Ein wichtiger Satz. Denn nichts ist bekanntlich so wie es scheint. Das traf auch auf den einstigen Super-Star NENA zu. 1989 meldete sie sich mit ihrem ersten Solo-Album ("Wunder gescheh'n", Epic) wieder sehr erfolgreich zurück. Es war eben noch nicht vorbei. Mit der Karriere. Auf dieser LP verarbeitete die Sängerin den Tod ihres ersten Kindes Christopher, der behindert zur Welt gekommen war. NENA gab diesem Kind all ihre Liebe und ging mit ihm gemeinsam den Weg seines kurzen Lebens. In regelmäßigen Abständen veröffentlichte NENA Album um Album. Erfand sich immer wieder neu. Kurze Haare, lange Haare, blond, braun, schwarz. Durchaus auch von Pop-Ikonen wie Madonna und Kylie Minogue inspiriert. Musikalisch versuchte sie sich immer wieder in unterschiedlichen Stilen, denen sie aber mit ihrer unverwechselbaren Stimme das typische "NENA-Gewand" gab. Spiritualität wurde für die Künstlerin ein immer wichtigeres Thema. Auch in der Öffentlichkeit sprach sie offen über ihre Ansichten und Lebenseinstellung und stieß damit nicht immer auf Verständnis.
2002 gelang der Sängerin ein phänomenales "Comeback". Mit "Nena feat. Nena" stürmte sie die Charts wie zu Zeiten der NDW. Die alten Songs neu aufgenommen. Teilweise mit Künstlern wie Udo Lindenberg, Kim Wilde u.a. eingesungen. Spätestens seit diesem Album ist NENA wieder konstant in den obersten Chartpositionen vertreten. "...Ihr kennt mich vielleicht noch von ein paar Klassikern aus den Achtzigern...", lautet eine Zeile aus dem aktuellen Album von 2015 "Oldschool", an dem u.a. auch Samy DeLuxe erheblich beteiligt war. Ja, so kann man es in etwa beschreiben. Ein "paar" NENA-Klassiker kennt wohl jeder. Oder um mit einem weiteren Zitat aus "Oldschool" zu antworten: "...und so singen wir die ganze Nacht unsere Lieblingslieder, Lieder von früher..." Und von heute! NENA hat es geschafft mehrere Generationen mit ihrer Musik zu verbinden. Das ist das, was letztendlich zählt. Die Verbindung von Menschen untereinander.
Am 03.05.1952 erblickte eine gewisse Rosemarie Precht das Licht der Welt. 31 Jahre später lief ein Titel in sämtlichen Radio-Stationen rauf und runter. "Rosa auf Hawaii". Text hatte dieser Song, außer "...dadadiaodijei..." nicht (viel), aber eine tolle und eingängige Melodie. Der Song blieb im Ohr und machte neugierig auf die Stimme, die das sang. Wer war'n das? Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam auf ein Projekt namens "COSA ROSA". Die Single "Rosa auf Hawaii" etablierte "COSA ROSA". Jetzt hatte man zwar einen Namen, jedoch wußte man immer noch nicht genau: Wer war'n das? "COSA ROSA" war das gemeinsame Projekt von Spliff-Keyboarder und Nena-Produzent Reinhold Heil und besagter Rosemarie Precht.
"Formel Eins" (1983-1990) war in den Achtzigern die angesagteste und schlichtweg einzige Musik-Sendung, in der Musik-Videos aus den aktuellen Charts bundesweit gespielt wurden. Es wurde immer wichtiger nicht nur im Radio gespielt zu werden, sondern auch eine visuelle Umsetzung der entsprechenden Singles zu präsentieren. "COSA ROSA" drehten zusammen mit Michael Bentele (seinerzeit "Formel Eins - Regisseur") in München einen Clip zu "Rosa auf Hawaii". Als Special Guest war Eisi Gulp mit am Start. Auch zu "Her mit dem Kindergeld" wurde ein Video produziert. Die Rakete "COSA ROSA" war gezündet. Rakete? Ein gewisser Jim Rakete (eigentlich Günther Rakete) hatte in der Zeit von 1977 bis 1987 in einer Kreuzberger Fabriketage eine Fotoagentur mit dem schlichten Namen "Fabrik". Segitzdamm 2 in 1000 Berlin 61. Diese Adresse konnte man auf vielen Back-Covern in den achtziger Jahren lesen. Eigentlich arbeitete er als Fotograf und Fotojournalist, betreute aber Ende der Siebziger bis Ende der Achtziger viele Künstler als Manager und/oder Fotograf. Darunter befanden sich u.a. Nena, Die Ärzte, Spliff und auch COSA ROSA.
In die ZDF-Hitparade schaffte es Rosa insgesamt zweimal. Mit "Millionenmal" erreichte sie ihren größten Erfolg und war mit diesem Titel natürlich auch in der "Hitparade" zu Gast, wo auch ich ihr kurz vor der Generalprobe begegnen durfte. Der Song katapultierte sich in die Top Ten der Verkaufs-Charts. Ein Radio-Dauerbrenner ist er bis heute. "Millionenmal" ist DAS "COSA ROSA"-Lied, mit dem fast jeder Rosa identifiziert. "...ich spucke in die Luft und warte was passiert...manche mögen Männer mit Millionen - manche mögen Männer mit Moral..."
Nur ein Jahr später, 1986, sollte das dritte und letzte Album der begabten Musikerin erscheinen. Als Vorab-Single wählte man einen wunderbaren Pop-Song. "Puppe kaputt". "...die Automatik defekt, das Gewissen versagt, ab heute geht's nur noch ab und nicht zu knapp. Vom eigenen Gelächter aus dem Schlaf gerissen, stehst du auf und hast im Glashaus mit Steinen geschmissen..." "Puppe kaputt" schaffte es in die Top 100. Das folgende Album mit dem schlichten Titel "COSA ROSA" war voller melodischer musikalischer Klangbilder und wunderschöner Geschichten, die Rosa mit ihrer gefühlvollen Stimme prägte. Mit "Was ich will" wurde noch eine weitere Single ausgekoppelt. Es sollte die letzte Veröffentlichung von ihr bleiben.