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RADIO fresh80s : Rio Reiser: "...bei euch da unten laeuft doch alles schief..."
Dieser Artikel wurde am 06.01.2016 veröffentlicht


Rio Reiser: "...bei euch da unten läuft doch alles schief..."
1987 sang Rio Reiser auf seinem zweiten Solo-Album "Blinder Passagier" (CBS) in dem Song "Arche B." (Text: Misha Schöneberg): "...neulich schrieb mir Noah einen Brief, bei euch da unten läuft doch alles schief, aber lass' uns jetzt nicht lange reden - wieso, weshalb und warum und weswegen...". Wenn Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser heute noch leben würde, würde er vermutlich diese Textzeile genauso singen wie vor 29 Jahren. Die Menschheit steht nach wie vor vor denselben Problemen (mögen sich die Darstellungsformen mitunter auch in einem anderen Gesicht zeigen) und der Suche nach Antworten und umsetzbaren Lösungen.






Rio Reiser: "...bei euch da unten läuft doch alles schief..."
Rio Reiser, der am Tag seiner Geburt am 09.01.1950 als erstes eine vierzig Watt Glühbirne erblickte und als zweites das Osram-Blitzlicht seines Vaters, hätte als Musiker, Texter und Songschreiber, der die Welt und das Leben neugierig und hinterfragend (er-)lebte und beobachtete, noch genügend Material für unzählige Songs. Seine Band "Ton Steine Scherben" (1970-1985) lieferte Anfang der Siebziger den Soundtrack der linken Szene mit den bekannten Titeln wie "Keine Macht für Niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Einprägsame Parolen, die sofort im Ohr blieben. Man verschaffte sich Gehör. Und darum ging es letztendlich. "Ton Steine Scherben" verstanden sich als Musiker-Kollektiv, in dem Kreativität und das Entwickeln von Songs eine sehr wichtige Rolle spielten. Im Laufe der Zeit entzog sich die Band dem Anspruch und der Vereinnahmung der linken Szene und kaufte einen Bauernhof in Fresenhagen (Nordfriesland). Weit ab von Berlin entstanden neue Eindrücke und Ideen, die auf dem 1975 erschienenen Doppel-Album der Scherben "Wenn die Nacht am tiefsten..." (David Volksmund Produktion) ihren Weg auf Platte fanden. Noch deutlicher wurde der Abstand von Berlin auf der sogenannten "Schwarzen" (1981; David Volksmund Produktion). Ebenfalls eine Doppel-LP mit dem schlichten Titel "IV". Klassiker wie "Jenseits von Eden", "Der Turm stürzt ein" und "Heimweh" sind auf diesem Album verewigt worden. 1984 veröffentlichte die Major Company Wea die Single "Dr. Sommer" mit Rio Reiser, produziert von Annette Humpe und Gareth Jones . 1985 kam das Aus für die Scherben. Schulden von rund 200.000 DM hatten sich angehäuft. Die Band löste sich auf. Rio Reiser machte allein weiter.


1986 begann die Solo-Zeit von Rio Reiser. Annette Humpe (Ideal) hatte den Kontakt zu George Glueck hergestellt. Rio's zukünftigem Manager. Im Januar 1986 erschien die Single und Maxi-Single "Alles Lüge" (CBS) und sorgte für Neugier und Anerkennung bei denjenigen, die Rio Reiser bis dato nicht kannten und für Ablehnung derer, die ihr Idol aus der linken Szene nicht kommerzialisiert wissen wollten. Bis heute habe ich dieses Phänomen nicht verstanden: Was daran falsch sein soll, wenn ein Musiker seine Songs nun einer breiteren Masse zugänglich machen kann. Rio Reiser hat in seiner Solo-Zeit die gleichen Themen besungen, wie zu Scherben-Zeiten. Und viel Song-Material aus der Zeit mit "Ton Steine Scherben" verwendet, wie z.B. die erste Single "Alles Lüge". Liebeslieder, Seemannslieder und kleine Geschichten bekamen ebenfalls mehr Raum.


Gleich die zweite Single-Veröffentlichung aus dem erfolgreichen ersten Album "Rio I." (CBS) "König von Deutschland" avancierte zum größten Hit von Reiser. Und ist bis heute unzählige Male gecovert worden. Die Radio-Stationen liebten den Titel und spielten ihn rauf und runter. Leider entwickelte sich "König von Deutschland" ein wenig zu "Fluch und Segen" gleichermaßen. Plattenfirma und auch Fans wollten von da an immer wieder einen zweiten "König von Deutschland". Sprich einen mindestens genauso großen Erfolg oder aber besser einen noch größeren als mit dem "alten König". Erst einmal koppelte man noch zwei weitere Singles aus dem Erfolgsalbum aus. "Junimond" und "Für immer und dich". Beide CBS. Und beide ebenfalls auch als Maxi-Single erschienen. "Für immer und dich" erstrahlte in einem aufgefrischten Sound-Gewand und klang somit anders als auf der LP. "Rio I." wurde mit hochkarätigen Studio-Musikern wie u.a. Curt Cress, Peter Weihe und Kenneth Tayler eingespielt. Annette Humpe und Udo Arndt produzierten das "Erstlingswerk". Rio Reiser hatte 1986 sein erfolgreichstes Jahr und wurde von den Lesern der Zeitschrift "Musik Express" zum erfolgreichsten "Newcomer" gewählt. Was deutlich machte, daß Rio Reiser zwar schon seit 26 Jahren (ab der "Scherben-Zeit" gezählt) als Musiker arbeitete, aber eben der breiten Masse nicht bekannt war. Das von allen Seiten hochgelobte Album "Rio I." schaffte es bis auf Platz 26 der deutschen Charts.



1987 erschien das bereits oben erwähnte Album "Blinder Passagier" (CBS) und enthielt viele schöne Songs. Bänkelgesänge, Seemannslieder, Songs voller Poesie und Kritik. Die "Gropiuslerchen", die mit dem Lied "Berlin, Berlin" 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins in den Charts waren, sangen auf "Blinder Passagier"den Chor bei der wunderschönen Pop-Ballade "Der Sommer kommt". Mit "Manager" startete man einen zweiten Versuch um ein wenig an den Erfolg von "König von Deutschland" anzuknüpfen. Einzigartige Textzeilen, die mehr als deutlich machten, daß Rio Reiser ein Texter war, der seinesgleichen suchte, befanden sich auf diesem zweiten Longplayer. "...du sagst du willst die Welt nicht ändern, und ich frag' mich, wie machst du das nur..." ("Wann"; Text: Rio Reiser). Oder "Normal" (Text: Rio Reiser): "...ich bin normal wie du und ich, weiß was ich tun darf und was nicht, ich mach' alles, was man mir sagt, ich hab' noch nie Warum gefragt..." Rio Reiser war ein begnadeter Sänger und schaffte es jedem Song eine gesangliche Atmosphäre einzuhauchen, die den Zuhörer erreichte. Nicht nur oberflächlich, im Vorbeigehen, sondern tiefer. Er berührte die Seele. Die Herzen. Es gibt nicht so viele Sänger, die diese Tür bei ihren Hörern öffnen können. Denn hierbei geht es nicht um den perfekten Gesang, der jeden Ton trifft, sondern darum das Gefühl in die Stimme zu transportieren. Rio's Stimme konnte problemlos und gleichermaßen freche Rotzigkeit, Ironie, Liebeskummer, Sehnsucht, Verzweiflung und Stärke ausdrücken. All das floss authentisch in seine Songs ein.


Das dritte Album, welches den schlichten Titel "Rio***" trug (das mit den drei Sternchen), erschien 1990 bei CBS. Produziert wurde es von "den Kuhjaus". Hinter diesem Pseudonym verbargen sich Udo Arndt und Reinhold Heil (Spliff / COSA ROSA). Ein synthetischer Klangteppich durchzieht das gesamte Album. Dieser endet aber nach jeweils drei Titeln. Dort stoppte dann das Tonband und Rio mußte es wechseln, wie er im Pressetext-Material zu dieser Platte erzählte. Zwei Singles, die auch als Maxi erschienen sind, wurden ausgekoppelt. "Zauberland" und "Geld". "Zauberland" gilt neben "Junimond" und "Für immer und dich" als eine der schönsten Balladen von Rio Reiser. Bis heute. Mit dem Refrain von "Alles" (Text: Rio Reiser) erinnerte der Songpoet u.a. an die Kraft der Fantasie: "...alles, was ich sein will, kann ich sein - ich kann alles sein, was ich will..." Wie oft diese lebendige und kreative Kraft, die in jedem Menschen vorhanden ist, im hektischen Alltag verloren geht, läßt sich nur erahnen. Oft, sehr oft. Die ebenfalls wunderschöne Ballade "4 Wände" zählt heute zu den Reiser-Kult-Songs. "...vier Wände, meine vier Wände, ich brauch' meine vier Wände für mich..." Wie glücklich man sich schätzen kann, wenn man seine eigenen vier Wände besitzt.


Manchmal mußte es auch mit dem Kopf "Durch die Wand" sein. Für den im Tierkreiszeichen "Steinbock" geborenen Musiker traf auch dieses Merkmal zu. Spätestens mit dem vierten Studio-Album. "Durch die Wand" (Columbia) 1991. Als Single-Auskopplungen erschienen "Jetzt schlägt's dreizehn" (auch als Maxi erschienen) und "Nur dich" (1992). Lutz Kerschowski, ein Musiker aus der ehemaligen DDR, war mittlerweile festes Band-Mitglied bei Rio Reiser und schrieb den Text für "Nur dich". 1988 spielte er als Vorgruppe beim legendären Rio-Reiser-Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle. Der wunderschöne und eindringliche Song "Der Krieg" (Text: Rio Reiser) kommt auf diesem Album zwar nicht ganz so intensiv daher, wie auf der von Möbius-Rekords 1998 veröffentlichten CD "Rio am Piano I", ist aber bis heute unverzichtbarer und zeitloser Bestandteil der Rio-Must-Have-Songs: "...der Krieg, er ist nicht tot der Krieg, er ist nicht tot er schläft nur, er liegt da unterm Apfelbaum und wartet - auf dich, auf mich - er ist nicht tot der Krieg..."


Da der Erfolg von "König von Deutschland" und dem dazugehörigen Album "Rio I." sich nicht wieder einstellte, versuchte man es noch einmal mit Erfolgsproduzentin Annette Humpe. Rio Reiser, der immer lieber Musik machen wollte als in irgendwelchen Talkshows zu erzählen, daß er eine neue Platte gemacht hat, hatte mittlerweile immer weniger Lust auf Interviews, in denen er sich ohnehin meistens nur oberflächlich und mit den immer gleichen Fragen konfrontiert sah. Das 1993 erschienene fünfte Album nannte sich einfach "Über alles" (Columbia). Mittlerweile war CBS The Family of Music schon längst von Sony Music übernommen worden. Mit "Neun99zig" widmete sich Rio dem bis heute anhaltenden "Phänomen" der auf Preisschildern stehenden 99 Pfennig nach dem Komma. Und kommt zu dem Schluß: "...ich schenk' dir 'n Pfennig und kassier' 'ne Million...9,99 keine zehn Mark..." Heute ist es natürlich der Cent. "Nimmst du mich mit" und "Inazitty" erschienen als Maxi-CD. Die CD hatte das Vinyl abgelöst.


1994 gab es eine "Best-Of" mit einer neu arrangierten Version vom "König von Deutschland" Textlich aktualisiert. Und ein klein wenig kehrte für einen kurzen Moment der Erfolg von einst zurück.


Bereits 1995, neun Jahre nach dem Beginn der Solo-Karriere, erblickte "Himmel & Hölle" (Columbia) als sechstes Album das Licht der Musik-Welt. Dass dieses Album das letzte von dem Sänger mit der Stimme, die aus der Seele kam, werden sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand. "Straße" und "Träume" wurden als Maxi-CD veröffentlicht. "...Träume verweh'n, wenn niemand da ist, der sie träumen kann...", heißt es in "Träume". Dieser Song stammte aus dem Tatort "Im Herzen Eiszeit", in dem Rio Reiser eine der Hauptrollen spielte. Das Album enthält elf wunderbare Rock-Songs und Balladen und kam wieder sehr viel rockiger daher, als die Vorgänger-Alben. Als letzter Titel befand sich "Himmel & Erde" (Text: Rio Reiser) auf der CD: "...und da waren zwei Menschen, die trafen vier Menschen, die trafen acht Menschen, die trafen sechzehn Menschen, trafen zweiunddreissig Menschen und die hatten sich gerne, die bauten 'ne Leiter wollten bis zu den Sternen - am Schluß waren's viel mehr als hunderttausend Leut' und wenn wir nicht gestorben sind leben wir noch heut'..."


Rio Reiser starb am 20. August 1996 auf seinem Hof in Fresenhagen (Nordfriesland). Bis 2011 befand sich sein Grab hinter seinem Haus. Seit 11. Februar 2011 befindet sich seine letzte Ruhestätte auf dem St.Matthäus Friedhof in Berlin.


Der Ein oder Andere mag sich jetzt fragen, warum hier nichts über seine Kindheit steht, über seine Jugend, nichts über das Hoffmann's Comic Teater, nichts über seinen ersten Kino-Fim "Johnny West", so wenig über Ton Steine Scherben, seine Mitgliedschaft in der PDS, nichts über Claudia Roth als Managerin der Scherben und nichts über seine Homosexualität und nichts über die Songs, die er für andere Künstler, wie Ulla Meinecke, Pe Werner u.a. geschrieben hat, nichts über seine Familie, nichts über weitere Film-Musiken und nichts über... All diese Dinge sind schon so oft ge- und beschrieben worden. In Büchern, Zeitschriften-Artikeln, In Foren, auf Webseiten, in Biografien und Autobiografien und und und. Dieser Artikel ist eine Erinnerung an einen einzigartigen Musiker, der die deutsche Sprache so wunderbar in Song-Texte transportieren konnte, daß Menschen sich in ihrer Seele und in ihrem Herz berührt gefühlt haben und immer noch fühlen. Das ist das, was immer bleibt: Die unvergessene Musik eines einzigartigen Künstlers. Und das ist das, was die Menschen verbindet. In Rio Reiser's Musik. "...da war ein Wort am Anfang der Welt, ein Wort das die dunkelste Nacht erhellt, das Wort war Liebe war das Wort und das ist der Schlüssel zum großen Tor..." ("Irrlicht"; Text: Rio Reiser)


Daniela Herbig / RADIO fresh80s



Text: Daniela Herbig
Fotos: Audioarchiv RADIO fresh80s



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