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Musiknews : Geier Sturzflug als "Könige der Welt"
Dieser Artikel wurde am 15.05.2015 veröffentlicht


Geier Sturzflug als "Könige der Welt"
Da war schon was los in den Achtzigern. Als eine Welle, die zwar nichts mit dem Meer zu tun hatte, aber dennoch weit wie das Meer und wellenförmig die Musiklandschaft für eine kurze Zeit auf den Kopf gestellt hatte. Irgendwer hatte dieser Welle den Namen "NDW" gegeben. "Neue Deutsche Welle". Die klassischen Schlager-Stars, die bis dahin die Charts fast für sich allein beanspruchten, bekamen Konkurrenz. Neben Roland Kaiser, Vicky Leandros, Lena Valaitis u.a. tauchten plötzlich neue Namen wie IXI, Trio, Ideal, Peter Schilling, Grauzone, Spider Murphy Gang, Joachim Witt, Hubert Kah, Nena etc. auf.






Geier Sturzflug als "Könige der Welt"
Mit frechen Texten und teils lustig/schrägen Bühnen-Outfits mischte sich die neue und junge Musik-Generation unter die Schlager-Künstler. Eine Band, die 1983 sozusagen einen der Hits des Jahres gesungen hatte, mit einem Geier als Maskottchen im Gepäck wie scheinbar aus dem Nichts vom Himmel gefallen war, kam mit einem besonders interessanten Band-Namen daher. "Geier Sturzflug". Ganz oben am Horizont, dicht unter den Wolken flogen sie, die Geier. Textzeilen: "...ja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt" oder "Besuchen sie Europa solange es noch steht." Sozialkritische Texte, verpackt in so eingängige Melodien und Rhythmen, daß selbst derjenige, der nichts mit Politik zu tun haben wollte an diesen Songs nicht vorbeikam. Oder vor lauter "freundlich tanzbarer" Musik den Inhalt des Textes nicht gehört oder so gar nicht verstanden hat. "...foltert mich mit Wissenschaft bis ich nicht mehr kann...aber eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben..."

Geier Sturzflug"Friedel Geratsch, Sänger, Songschreiber, Texter und Frontmann sang diese Zeilen immer mit einem Lächeln auf den Lippen und brachte so beabsichtigt oder unbeabsichtigt die Widersprüchlichkeit der gelebten Wirklichkeit auf den Punkt. Die einen grölten lautstark den Refrain mit, anderen sprachen die Zeilen der einzelnen Strophen aus tiefster Seele. Endlich hatte es 'mal jemand gesagt. Pardon gesungen. "Geier Sturzflug" war eine Name, der für textliche und musikalische Qualität stand. Und Geratsch sang so wie ihm der "Geier-Schnabel" gewachsen war. Authentisch. Immer mit einer leicht rauchig-kratzigen Stimme. Die Bochumer Truppe, die ihre Wurzeln in der alternativen linken Szene hatte, wurde in den besagten Achtzigern neben Nena, Hubert Kah, Frl. Menke etc. zum Aushängeschild, der einstigen "NDW" und absolvierte wie auf einer Überholspur einen Auftritt nach dem anderen.

1985 wurde es dann immer ruhiger unter den Wolken. Auch am Geier-Horizont. Die NDW war ausgebrannt, besser gesagt verbrannt. Zu viele waren auf diesen Zug aufgesprungen. Wollten einen Stück vom Kuchen abhaben. Die Plattenfirmen hatten den Markt zugeschüttet. Eine Mischung aus u.a. Übersättigung einerseits und Verdrängung durch den Musikmarkt aus Großbritannien und den USA andererseits, ging eine Ära, in der es sehr viele kreative Künstler schafften deutschsprachige Musik kunstvoll anzurichten, zu Ende. "Geier Sturzflug" befand sich im Sinkflug. Die Band löste sich auf. Friedel Geratsch versuchte es kurzzeitig auf Solo-Wegen, die u.a. eine wunderbare Single hervorbrachten. "Zurück in die Nacht". Die B-Seite der Single nannte sich schlichtweg B-Seite und war eine augenzwinkernde Anspielung der gängigen Praxis, auf der B-Seite nur die A-Seite als Instrumental-Version zu bringen. Irgendwie war es an der Zeit die Flügel still zu halten und sich in das "Geier-Nest" zurückzuziehen.




1996 erblickte "Geier Sturzflug" erneut das Licht der Musikwelt und verließ das Nest, um es musikalisch noch einmal zu versuchen. Die alten Hits wurden neu aufgenommen und bekamen jetzt den typischen Sound der neuen Zeit. Teilweise im "Ballermann-Stil". Friedel Geratsch und Thomas Passmann-Engel, der Friedel Geratsch fortan begleitete, traten ab sofort als Duo auf. Ab 2006 wechselte "Geier Sturzflug" wieder einmal das musikalische Feder-Kleid. Der zwischenzeitliche "Ballermann-Sound" wurde aus dem Nest geworfen und Songschreiber Friedel Geratsch überraschte mit gefühlvollen und rockigen Nummern.

Geier SturzflugSeit der 2006 veröffentlichten CD "Mahlzeit", erscheinen in regelmäßigen und in immer kürzeren Abständen Alben. Geratsch hat einen stetigen kreativen Output und beweist mit jedem weiteren veröffentlichten Album welch vielfältiges Potenzial in ihm als Songschreiber immer noch steckt. Schubladen gibt es nicht. Versucht man Friedel Geratsch in eine solche einzuordnen, ist er spätestens mit dem nächsten Album wieder in eine andere gesprungen. Musik ist seine Sprache, in die er alles verpackt, was er erzählen möchte. Die kleinen und großen Geschichten des Lebens. Und Geratsch kann gut erzählen. Feinfühlig, nachdenklich, gepaart mit einer wohldosierten Mischung aus Ironie und Humor. Er schafft es oft eine einzige Zeile wie ein Statement wirken zu lassen. Ohne, daß es einer weiteren Erklärung bedarf: "Besuchen sie Europa, solange es noch steht". Oder statt der in sämtlichen Songs viel besungenen "Drei Worte-Erklärung", findet Friedel Geratsch mit sechs Worten eine fast schönere Formulierung: "Schreib deinen Namen auf mein Herz". Die bildhafte Sprache in seinen Texten "...ich bin manchmal aufgeregt wie eine Tasse Kaffee..." oder "...am Ende des Tunnels brennt Licht, bitte laß es bloß keinen Zug sein..." macht es dem Zuhörer leicht sich auf das Gehörte einzulassen.

Geier Sturzflug"Geier Sturzflug" ist seit 36 Jahren aus dem Musikgeschäft nicht wegzubekommen. Auch, wenn es in den letzten Jahren merklich ruhiger wurde. An der Qualität der Songs liegt das sicher nicht. Eher an einer Komplexität verschiedener Ursachen, Wirkungen und Wandlungen unserer Zeit, die aufeinander treffen. Es scheint, als wenn Musik die Faszination und den Wert von einst verloren hat. CD-Verkäufe sind rückläufig.

"Könige der Welt" nennt sich das mittlerweile neunte Album, welches am 17.04.2015 auch als CD erschienen ist. "Geier Sturzflug" präsentiert das erste Akustik-Album in der langen Karriere und beweist abermals, daß Qualität vor Quantität geht. Für die einen ist "Geier Sturzflug" die NDW-Band, für andere gar eine Spaß-Combo. Wieder andere können "mit denen" so gar nichts anfangen. Wie auch immer. Vor allem ist Songschreiber und Frontmann Friedel Geratsch eines: Immer noch da! Mit Songs, die zum Nachdenken anregen. Aber genau das hat "Geier Sturzflug" schon immer ausgezeichnet.

Daniela Herbig


Hinweis
Viele aktuelle Informationen über Friedel Geratsch und Geier Sturzflug gibt es auch auf der Fanseite von Daniela Herbig unter: http://www.dalila-light.de/friedel-geratsch-geier-sturzflug

Ein Interview mit Friedel Geratsch finden Sie auch in unserem Audioarchiv


Link zum Download des Albums bei Amazon
http://www.amazon.de/gp/product/B00TKJJRF6

Text: Daniela Herbig
Foto: Friedel Geratsch / Oliver Ott



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